| Das Schaffen des finnischen Designers Eero Aarnio wird in einer umfangreichen von der Kunsthalle Helsinki produzierten Ausstellung Eero Aarnio – Retropop, Phantasie und Tagträume (8.11.2007 bis 4.1.2008) in Berlin präsentiert. |
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Neben den weltberühmten futuristischen Glasfaser- und Kunststoffstühlen, wie z. B. Ball Chair und Pastil, die in den 1960-er Jahren das Möbeldesign revolutionierten, sind zahlreiche Arbeiten zu sehen, die das 40-jährige vielseitige Wirken Eero Aarnios bis in die Gegenwart sichtbar machen. Die internationale Laufbahn Aarnios begann auf der Internationalen Möbelmesse in Köln 1966, wo der Ball Chair vorgestellt wurde. Diese Messe war, wie der Künstler sagte, "ein Turning Point meiner Karriere - während der ersten Woche wurde der Ball Chair in 30 Ländern verkauft". In Deutschland gefällt es dem Designer nach wie vor: mindestens einmal im Jahr reist er mit seiner Frau Pirkko durch das Land. |
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| Ausstellungsort: Felleshus, Gemeinschaftshaus der Nordischen Botschaften Rauchstr. 1, 10787 Berlin-Tiergarten (Bus 100, 106, 187, 200) Öffnungszeiten: Montag - Freitag 10.00 - 19.00 Uhr Samstag - Sonntag 11.00 - 16.00 Uhr (am 5., 6. sowie 10.12. nur bis 14 Uhr geöffnet, am 24., 25. und 26.12. sowie am 31.12. und 1.1. geschlossen) |
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aus Spiegel Online:DESIGN-IKONE EERO AARNIO - Plastikschreiner mit Pop-VisionVon Johannes Gernert In seinen knallbunten Sesseln saßen Geheimagenten und Supermodels. Manche der Möbel, die der Finne Eero Aarnio entworfen hat, können sogar schwimmen. Eine Ausstellung in Berlin zeigt jetzt sein Lebenswerk - und bietet reichlich Gelegenheit zum Abhängen. Eero Aarnio rutscht auf dieser cremefarbenen, ziemlich rechteckigen Bank hin und her. Keine Lehne, das ist wirklich nicht sehr bequem. Er schaut nach vorne, ein paar Meter weiter bei der Garderobe schaukelt jemand entspannt in einem von Aarnios durchsichtigen Sesseln, die hängen dort von der Decke. Und oben, im ersten Stock des Felleshus der Nordischen Botschaften in Berlin, stehen noch viel mehr Sachen des finnischen Möbeldesigners. Also lacht Aarnio jetzt, was soll er sich über das unpraktische Ding ärgern, er lacht immer lauter, der Meister des Bequemen, des Runden, Ewigen auf dieser eckigen Bank. Irgendwie ist das heute mal wieder sein Tag. Schon zum sechsten Mal wird die Ausstellung der Kunsthalle Helsinki eröffnet, die sein Lebenswerk zeigt. Nach Oslo, Kopenhagen, Washington und Mexiko City ist sie in Berlin angekommen. Und damit in Deutschland, wo alles anfing. Auf einer Messe in Köln wurde 1966 Eero Aarnios "Ball Chair" vorgestellt, der Kugelsessel. Ein Sessel aus Glasfaser, der vor allem rund war, erschwinglich, der in knalligen Lego-Farben leuchtete und aussah wie ein Kunstwerk, nicht wie ein Sitzmöbel. Der "Ball Chair" war Zukunft. Deshalb stand er bald nicht nur in etlichen Wohnzimmern, sondern auch in Science-Fiction-Filmkulissen. Agenten in Thrillern setzten sich in den folgenden Jahrzehnten genauso hinein wie nackte und halbnackte Magazintitel-Schönheiten. Es gab zwischenzeitlich einen kurzen Verkaufseinbruch, weil die Ölkrise das Material verteuerte. Längst allerdings ist der "Ball Chair" zurück. Er ist immer noch Zukunft oder, besser gesagt, wieder. Avatare im Online-Universum Secondlife sitzen darin. "Ich hasse Computer", sagt Eero Aarnio, rutscht auf der eckigen Bank herum und lacht, dass es schallt. Aarnio ist jetzt 75 Jahre alt, hat einen ziemlichen Bauch und recht lange graue Haare. Er zeichnet seine Entwürfe nach wie vor auf große Papierbögen, mit ausholenden Bewegungen. Danach werden sie in den Rechner übertragen, dann in die Fabrik. Vor zwei Tagen erst kam eine Tischlampe aus Italien, wo die Gegenstände angefertigt werden, in der Nordischen Botschaft an, "The Swan", geschwungen wie ein Schwanenhals. Entwerfen? Ein Kinderspiel! Nach dem "Ball Chair" hatte Aarnio "Pastil" entworfen, einen pillenförmigen Sessel, dann "Bubble", den durchsichtigen, runden, der von der Decke hängt, schließlich "Double-Bubble", die Leuchtblasenlampen. Einige seiner Sessel können schwimmen. Er hat das zufällig herausgefunden. Aber es passte zu dieser Leichtigkeit, mit der auch sein Kugelsitz schwebte. Viel eleganter als die schweren Sofas der Nachkriegswohnzimmer. Er spiele beim Entwerfen wie ein Kind, sagt er. Als nächstes will er eine Armbanduhr machen. Da sind so viele Einfälle. Vor der Ausstellungseröffnung fragt ihn jemand, wo er die alle hernimmt, da lacht Aarnio mal nicht, so eine dämliche Frage. "Ich habe da so eine Schublade zu Hause, die ziehe ich jeden Morgen auf, da ist dann eine Idee drin", sagt er. Er redet nicht gerne darüber, er schafft lieber. Wie ist Ihr Verhältnis zum Modernismus? "Ich würde mal vermuten ich bin ein Teil davon." Punkt. Wenn er nicht diesen dunklen Anzug anhätte, sondern einen Blaumann mit Farbklecksen, ginge er auch als Handwerker durch. Den ersten "Ball Chair" hat er tatsächlich am Wochenende in irgendeinem Schulgebäude zusammengezimmert, mit Hilfe einer Sperrholzkonstruktion, mit viel Toilettenpapier und Kleister, weil er dachte, den Unfug nimmt ihm keine Möbelfabrik ab. Er fühlt sich eher geschmeichelt als beleidigt, wenn ihn jemand Handwerker nennt. Vielleicht ist Eero Aarnio nicht so sehr Designer, sondern eher Plastikschreiner. Ein Mann mit bodenständigen Visionen. Es sind die Gegensätze, die seine Entwürfe so beliebt machen, sagt Silke Claus vom Internationalen Design Zentrum Berlin, in einer kurzen Eröffnungsansprache. Er vermittle zwischen der Arbeitswelt auf der einen und Spiel und Spaß auf der anderen Seite. Seine Sessel wirken steril, streng, sind aber irgendwie gemütlich. Sie zwingen die Leute förmlich in eine entspannte Haltung. "Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl" Rechts neben der Rednerin steht ein ganz gewöhnlicher orangefarbener Stapelstuhl in der Ecke, Volkshochschulinterieur, Mehrzweckhallencharme. Auch den hat Aarnio gemacht. Der Designer lässt sich nach der Einführung nur ganz kurz vom finnischen Botschafter vors Mikro ziehen, winkt kurz, wie ein schüchternes Staatsoberhaupt, dann verschwindet er schnell wieder, stellt sich zu seiner Frau und den weißen "Double-Bubble"-Lampen, scherzt mit einem Fernsehteam und lacht mit roten Wangen. An den Wänden stehen auf farbigen Flächen kurz die wichtigsten Informationen zu seinen Werken und eine Montage zeigt Magazintitel mit "Ball Chair". "Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl", hat die Kuratorin Aarnio gerade noch zitiert, "aber ein Sitz muss kein Stuhl sein." Deshalb nehmen die Besucher mit ihren Weingläsern jetzt auf dem froschgrünen Pony aus Polyurethan Platz, auf "Tipi", einem huhnförmigen schwarzen Gebilde oder plumpsen in "Pastil"-Modelle. Sie sitzen dort mit so einem Aha-Blick - "Ich in einem echten Aarnio"-, einige lassen sich fotografieren, andere streichen vorsichtig über die runde, glattglänzende Oberfläche, wie über einen Kotflügel und versinken dann langsam darin, nicken manchmal anerkennend, zufrieden, wippen. Manche bleiben einfach eine Weile sitzen und in diesen Momenten sieht das aus, als wäre das hier gar keine Ausstellung mit Kunststoffkunstwerken, sondern irgendein Treffen, wo ein paar Leute in ewig-futuristischen Möbeln einfach nur abhängen. Das tut man zwangsläufig in Aarnios Sesseln: abhängen. Unten im Foyer schaukelt ein blonder kleiner Junge immer wilder im "Bubble Chair". Und daneben steht, etwas verlassen jetzt, diese cremefarbene, viel zu eckige Bank.
aus: Die Zeit 11/07 Finnlands "King of Pop"Von Tillmann Prüfer Er verscheuchte den Mief aus den Nachkriegswohnungen der sechziger Jahren: Eero Aarnios Möbel galten damals als futuristisch. Ihre zeitlose Schönheit lieben die Kunden heute immer noch.Der alte Mann bückt sich. „Warten Sie mal“, sagt er, „ich zeige Ihnen das.“ Aus einer Ecke kramt er etwas hervor, das aussieht wie ein großer Plastikzahn mit Kabel. Er schiebt den Stecker in die Dose – und plötzlich gleißt eine Erleuchtung durch den Raum. Wer jetzt an diesem dunkelnden Herbstnachmittag am Bungalow von Eero Aarnio vorbeikommt, muss den Eindruck haben, darin erscheine gerade ein Engel. „700 Watt!“, sagt der Alte stolz über die Lampe, die er kürzlich konstruiert hat. „Das ist für Menschen, die Licht brauchen, um nicht depressiv zu werden.“ Er schaltet die Leuchte wieder ab. „Ich gehöre glücklicherweise nicht dazu.“ Draußen hat der finnische Herbst die Birkenblätter gefärbt, sie rascheln in Rot, Gelb, Orange. Das Laub weht über den Boden wie Konfetti. Wenn Eero Aarnio die Tür öffnet, purzelt es herein und verteilt sich auf dem Boden, zwischen all den Skizzen, die dort ausgebreitet liegen. Den Dingen, die er noch entwerfen will. Der Designer ist 75 Jahre alt, aber er lässt sich das nicht ansehen. Sein graues Haar hat er zurückgekämmt, was früher ludenhaft ausgesehen hätte, nun, in seinem Alter, hat es etwas Spitzbübisches. Doch wenn er die Brauen zusammenzieht, strahlt aus seinen Augen die Autorität des Altmeisters. Sein Name ist den wenigsten geläufig, aber wer schon einmal einen alten James-Bond-Film gesehen hat, kennt Aarnios Möbel. Er hat das Mobiliar der Popkultur der sechziger Jahre geschaffen. The Prisoner, die Agenten-Kultserie aus den sechziger Jahren, war mit Aarnio-Stühlen möbliert. Aber so weit muss man gar nicht in die Vergangenheit gehen. Auch in Tim Burtons Film Mars Attacks von 1996 rekelt sich Sarah Jessica Parker in einem Entwurf von Eero Aarnio – und in Robbie Williams’ 2003 entstandenem Video zu Come Undone feiern Jugendliche eine Drogenparty am Swimmingpool, lungern in quietschorangenen Plastiksesseln und auf roten Kugelstühlen herum, alle entworfen von diesem Mann, der in einem abgelegenen Birkenhain im kleinen Ort Veikkola wohnt, 40 Kilometer entfernt von Helsinki. In Eero Aarnios Garten steht ebenfalls so ein roter Sitz. Nur grenzt die Terrasse nicht an einen Pool, sondern an einen See. Das Wasser ist leidlich zehn Grad warm, und Aarnio liebt es, hineinzuspringen, wenn er aus seiner Rauchsauna kommt. Die ist 120 Grad warm. Eine sehr angenehme Temperatur, meint er. Das Haus des Designers erinnert eher an ein Kinderzimmer als an einen Alterssitz. Aarnio lebt inmitten seiner Kreationen. Im Wohnzimmer reckt dem Besucher ein grüner Plastikdrache den Kopf entgegen. Vor dem Kamin bauen sich Sitzmöbel auf, die aussehen wie Kreuzungen von Pony und Sphinx. Und es gibt Plastiksessel in der Form von Hustenpastillen für Giganten: ellipsenförmige Möbel, auf denen man schaukeln kann. Früher fuhren die Leute darauf sogar Schlitten. Seine Stücke stehen im New Yorker Museum of Modern Art, im Londoner Victoria and Albert Museum, im Centre Pompidou in Paris. Der Mann ist Kulturgeschichte. Im November zeigt die finnische Botschaft in Berlin eine Ausstellung über ihn. Seine Frau Pirkko wühlt schon jetzt regelmäßig in ihrem Kleiderschrank. Sie fragt sich, ob sie sich für die Ausstellungseröffnung einen neuen Overall nähen soll (sie trägt ausschließlich Overalls). Eero versteht die Sorgen seiner Frau nicht. Er wird Schwarz tragen (er trägt ausschließlich Schwarz). In Berlin soll sein Lebenswerk gezeigt werden, eine seltsame Vorstellung für ihn, schließlich ist er doch noch gar nicht fertig mit seinem Lebenswerk. Es läuft gut für ihn. Zu seinen momentanen Bestsellern zählt Puppy, ein Kunststoffhund, auf dem man sitzen kann. Er wurde vor allem in Großbritannien bekannt, weil er zum Inventar der britischen Big Brother- Show gehörte. Besonders stolz ist er auf seine Lampe Double Bubble: zwei leuchtende Blasen. Millionen haben die Stehleuchten im Fernsehen gesehen, mit denen beim diesjährigen European Song Contest in Helsinki das Studio dekoriert war. In Amerika verkauft sich dagegen ein Sessel gut, der nur aus einer Plexiglasschale besteht, die wie eine Schaukel im Raum hängt. Das Stück wurde aus drei Gründen bekannt: Der Playboy zeigte darin in seiner Millenniumsausgabe die nackte Carmen Electra, Vanity Fair zeigte darin die nackte Donatella Versace, und das deutsche Herrenmagazin Maxim zeigte darin die halb nackte Gina Wild. „Ich weiß nicht, warum sich die Frauen in meinen Möbeln immer ausziehen.“ Aarnio lächelt. Auch ein wissenschaftlicher Artikel über die „geschlechtsspezifische Dynamik“ von Eero Aarnios Möbeln konnte diese Frage nicht abschließend beantworten; dort wird immerhin spekuliert, ob Aarnios pillenförmige Sitze im Kontext der sexuellen Befreiung der Frau durch die Antibabypille zu beurteilen seien. Das alles versteht der Schöpfer nicht so ganz. Auf die Frage, wie er auf die Form gekommen sei, sagt er, rund sei am schönsten. Seine berühmteste runde Form ist der Kugelstuhl Ballchair. Die Idee dazu schoss ihm durch den Kopf, als er mit einem Freund einen Bootsausflug auf dem See machte. Das Boot war aus Fiberglas. Daraus müsste man Möbel machen, dachte sich Eero Aarnio. Die Gelegenheit bot sich später, als er umzog und einen neuen Stuhl brauchte. Wann sonst sollte man einen Stuhl entwerfen? Wenn Aarnio vom Möbelmachen erzählt, dann klingt es, als habe er sich nie besonders viel dabei gedacht. Dabei gibt es Wichtiges über das Werk des Finnen zu sagen. Für Florian Hufnagl zum Beispiel, den Chef der Neuen Sammlung der Pinakothek der Moderne in München, ist Aarnio mehr als ein Popstar, mindestens der „King of Pop“, sogar ein Revolutionär. Aarnio, sagt Hufnagl, hat den Mief aus den Nachkriegswohnungen geblasen, „den Stil demokratisiert“. Eero Aarnios Zeit war die Zeit des Dänen Verner Panton, der die Kantine des Hamburger Spiegels knallbunt einrichtete. Des Italieners Gaetano Pesce, der mit aufblasbaren Möbeln schockte. Es war die Zeit des großen Optimismus. Zuvor waren Designmöbel teuer und elitär gewesen. Mit den Plastikgebilden von Aarnio wurde Stil erschwinglich. Und was war das für ein Stil! Ein Generationenbrecher: Wenn Väter ihre Söhne in den neuen Wohnungen besuchten, standen sie unschlüssig herum, weil sie keinen Stuhl zu finden glaubten. Schließlich waren Aarnios Sitzgelegenheiten nicht leicht als solche zu erkennen. Die Objekte schienen sich in der Wohnung herumzufläzen, so lässig wie ihre Besitzer. Die einzige Haltung, die sie erlaubten, war ein entspanntes Herumhängen. Ein zukunftsgewisses Zurücklehnen. Wer in einem Sessel von Aarnio sitze, bekomme sofort das Bedürfnis, „Vornamen zu benutzen und nur noch über leichte, angenehme Dinge zu reden“, lobte die Zeitschrift Anna 1968. Er selbst hat bei der Arbeit an seinen Möbeln an ein Auto gedacht. „Ich wollte, dass man in meinen Sesseln sitzt wie in einem Porsche“, sagt er. Der Sportwagen habe sein Werk stärker beeinflusst als die Mondlandung. Designforscher Hufnagl zufolge war die Popkultur die letzte umfassende Stilrichtung. Der letzte große Versuch, Räume mit gesellschaftlichen Visionen einzurichten. Das beste Beispiel ist Aarnios Ballchair: eine mit Schaumstoff ausgekleidete Sitzmurmel. Die Kugel galt damals als die Form alles Großartigen – wie der Satellit Sputnik, die Helme der Apollo-Astronauten. In Aarnios Möbeln glaubte man damals zu erkennen, wie die Menschen einmal leben würden. In Kugeln und Sphären, offenen Räumen. Wer im Ballchair saß, schien im Cockpit einer Zeitmaschine Platz zu nehmen. Und wer wollte das nicht? Selbst der finnische Präsident Urho Kekkonen ließ sich im Ballchair ablichten – mit Ballerinas an den Füßen. „Es ist interessant, dass solche Möbel nicht aus London oder Italien kamen, sondern aus Finnland“, sagt Hufnagl. Möglicherweise liegt es daran, dass in Finnland die Pop-Euphorie besonders groß war. Das Land wurde relativ spät von der Industrialisierung erfasst, und wegen des Grolls auf den Nachbarn Russland war der Glaube an die Segnungen des Westens übergroß. Hier wurden Utopien wie das Wohn-Ufo Futuro des Architekten Matti Suuronen erdacht. Und eben das Interieur von Aarnio. Es ist der naive Blick auf den Fortschritt, der Aarnio auszeichnet – und die besondere Gabe, Staunen in Formen zu fassen. Es gibt ein Kindheitsfoto des Designers, auf dem er als kleiner Junge zu sehen ist, wie er in etwas zu großen Latzhosen am Meer sitzt und versunken ein Dampfschiff betrachtet. Ein Junge, der bald den Krieg spüren wird. Der miterleben muss, wie eine russische Bombe das Haus, in dem seine Familie lebt, zertrümmert. Der später nichts besitzt außer seinem Talent. Sein erstes Geld verdient er in der Nachkriegszeit mit kleinen Cowboys, die er aus Pappmaché bastelt und in Mutters Backofen trocknet. Die Mutter habe sich gewundert, als sie den Herd öffnete und in die Mündungen einer Bande von Pistolenmännern blickte, sagt Aarnio. Und gewissermaßen macht er noch heute nichts anderes, als Cowboys zu backen: „Ich habe immer versucht, mir den Blick eines Kindes zu bewahren.“ Eero Aarnio möbliert den Zeitgeist der sechziger Jahre, aber er lebt ihn nicht. Während andere Popkünstler ihrem Bohemienleben im Londoner Szenestadtteil Chelsea frönen, bleibt der Finne bodenständig. Seine Frau Pirkko lernt er kennen, als er noch Student ist. Sie bekommen zwei Töchter, leben als brave Kleinfamilie. Die große Zukunft dauert nur bis 1973. Dann drosseln die Opec-Staaten die Ölproduktion, die Erdölpreise schießen in die Höhe – und mit ihnen die Preise für die Kunststoffe, die aus Erdöl gemacht sind. Plastikmöbel werden teurer. Die Konjunkturflaute, der Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums beenden die Zeit des quietschbunten Futurismus. In Deutschland herrscht Herbststimmung. Edelstahlmöbel beziehen in den Wohnzimmern Stellung, man lümmelt nicht mehr in Bodennähe, sondern drückt das Kreuz durch. Das Design beschäftigt sich nicht mehr mit der Zukunft – es hat genug mit der Gegenwart zu tun. Die Pop-Art verschwindet in den Museen. Nur die Menschen, die sie entworfen haben, nicht. Eero Aarnio macht weiter. Aber ohne Glück. Viele seiner Prototypen gehen nicht in Serie oder sind nur kurz auf dem Markt. Bald nimmt der Möbelhersteller Asko Aarnios Plastik-Ikonen aus dem Programm. Aarnio muss aus dem Haus ausziehen, das er in bester Lage in Helsinki gebaut hatte. Hätte er bleiben können, wäre er heute Nachbar des Formel-1-Weltmeisters Kimi Räikkönen. Das Ehepaar Aarnio kommt nur über die Runden, weil Pirkko Geld als Puppenspielerin im finnischen Kinderfernsehen verdient. Die beiden ziehen an den See, nach Veikkola, einem Ferienörtchen für Hauptstädter, die dort ihre Sommerhäuser haben. Um den Innenausbau zu bezahlen, verkauft er sein Traumauto, den Porsche, den er sich wenige Jahre zuvor geleistet hat. Freunde sagen, ohne Pirkko hätte er es wohl kaum geschafft. Er dankt es ihr auf seine Weise. Als sie in ihr neues Haus einziehen, schenkt er seiner Frau eine Halskette. Der Anhänger ist eine kleine Messingplatte, in die der Grundriss ihres neuen Heims graviert ist. An einer Stelle blinkt ein kleiner Diamant. Ein klitzekleiner Diamant. Er hat ihn auf einer Reise gekauft, in der Phase der Krise – für elf Dollar. Warum der Erfolg wiederkehrte – Aarnio weiß es selbst nicht. Vielleicht war es die Retro-Welle, die ihm Auftrieb gab. Die Großstädter des beginnenden Jahrtausends wollen den Optimismus, den sie nur aus den Erzählungen der Eltern kennen, selbst erleben. Plastik haben statt Jute. Vielleicht hat ihm das Internet geholfen, über das der Möbelhersteller Adelta seit einigen Jahren Remakes der Aarnio-Klassiker verkauft. Vielleicht haben ihm die Brüste von Carmen Electra im Playboy geholfen. „Warum ist das wichtig?“, fragt er. Manchmal muss der Möbelmacher über den Kult um ihn selbst lächeln. Vor Kurzem lud ihn das Pariser Einrichtungshaus Roches-Bobois zum Empfang. Man wollte feiern, dass die Marke künftig Produkte des legendären Finnen vertreibt. Um den Gästen in Erinnerung zu rufen, wofür dieser Name steht, hatte man zwei Aarnio–Stühle herbeibeschafft. Der Meister näherte sich den Sesseln, warf einen Blick darauf – und zürnte: Fälschungen! Ein bisschen unheimlich ist es ihm, dass Entwürfe, die bald ein halbes Jahrhundert alt sind, noch immer als Blaupausen für die Zukunft herhalten müssen. Die Popkultur war der groß angelegte Versuch, gesellschaftliche Visionen in Möbel zu fassen. So greift man noch heute auf die Entwürfe von damals zurück, wenn es besonders futuristisch aussehen soll. Selbst beim Science-Fiction-Film Men in Black von 1997 war ein Sessel im Einsatz, der starke Ähnlichkeit mit dem Ballchair hatte. „Sie haben die Grundform etwas verändert, der Stuhl ist nicht mehr kugelförmig, sondern ein Ei“, grummelt Eero Aarnio. Es gibt kein Copyright auf die Zukunft. „Alles, was ich jemals wollte, habe ich nun“, sagt Aarnio. Ein Haus am Wasser – und einen Porsche; den hat er sich wieder zugelegt. In seinem Wohnzimmer steht ein Schaukelstuhl mit geschwungenen Stahlkufen, den das Möbelhaus Artik seit Kurzem vertreibt. Der Entwurf stammt von 1983, quasi ein Oldtimer. Damals wollte ihn niemand haben. Aarnio erzählt das mit einem fast unmerklichen Kopfschütteln. „Ich werde das Feuer schüren, ich werde es nicht ausgehen lassen“, sagt er ernst. Er zurrt die Augenbrauen zusammen und sieht nun aus wie ein Eroberer. Bereit, ins Ruderboot zu steigen und draußen auf dem See die nächste Idee zu kapern, die alles verändert. Wie damals. Einer seiner neuesten Entwürfe ist der Ocean Seat. Ein geschwungener Modulsessel; man kann einen davon an den nächsten reihen, ein endloses Spiel. So entsteht eine Sitzlandschaft, die wie ein Wellen schlagendes Meer aussieht. Es gibt noch keinen Hersteller für dieses Möbel. Aber wenn es jemals auf den Markt kommt, wird man sagen, dieser See zum Sitzen sehe unglaublich futuristisch aus.
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